Vaterland - Volkshoheit - Völkerbund

Deutschland - Polen, 01.09.2019, Weltfriedenstag, 80. Jahrestag des Überfalls von Nazi-Deutschland auf Polen
Friedensgebet mit Gespräch in Fürstenwalde Dom
Fürstenwalde, 30. August 2019, Rede von Petra Pau

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1. 

Ich bin Jahrgang 1963 und gebürtige Berlinern - Berlin-Ost.
Soweit ich mich erinnern kann, galt der 1. September immer als Weltfriedenstag und der 8. Mai als Tag der Befreiung.
 
Ich betone das, denn das war und ist meines Wissens nach nicht in allen Regionen Deutschlands so. Die historischen Hintergründe:
 
Am 1. September 1939 überfiel Nazi-Deutschland Polen. Das war der Beginn des 2. Weltkrieges, des bislang brutalsten Krieges in der Geschichte.
 
Am 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht vor den alliierten Streitkräften. Das war das Ende des 2. Weltkriegs, zumindest in Europa.
 
Dazwischen lagen über 5 mörderische Jahre. Die Zahl der Kriegsopfer wird auf 50 Millionen Menschen geschätzt.

2. 

Soweit die allseits bekannten Fakten. Zur Geschichte gehört aber auch:
 
Nazi-Deutschland hätte Polen damals möglicherweise nicht oder nicht so überfallen, wenn es vordem nicht einen Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion gegeben hätte.
 
Dieser „Hitler-Stalin-Pakt“ barg zugleich eine Vereinbarung über die Aufteilung, sprich Vernichtung Polens: Deutschland vom Westen her, die Sowjetunion vom Osten her.
 
Das ändert nichts daran, dass Nazi-Deutschland gleichwohl später die Sowjetunion überfiel und dass diese die meisten Opfer im Kampf gegen den Faschismus zu beklagen hatte.
 
Und auch das sei angemerkt: Wenn von Alliierten die Rede ist, dann sind meistens die UdSSR, die USA, Großbritannien und Frankreich gemeint.
 
Dass auch Polen zu den alliierten Streitkräften gehörten, wird oft unterschlagen, übrigens auch bei aktuellen Gedenken.
 
Deshalb will ich unterstreichen: Polen wurde als erstes Land von Nazi-Deutschland überfallen und Polen halfen final, Deutschland von der Nazi-Barbarei zu befreien.
 
In meinem Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf gibt es ein denkmal-geschütztes Haus, das „Haus des 21. April“. Es ist das erste Berliner Haus, das 1945 von der Roten Armee erreicht wurde. Auch hier gehörten polnische Soldaten zu den Befreiern. Alljährlich erinnern wir daran.
 
Nun sprach ich wie selbstverständlich vom „Tag der Befreiung“. In der Bundesrepublik Deutschland (alt) bedurfte es 40 Jahre, bis erstmals ein Repräsentant diese Einschätzung teilte.
 
Es war der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985. Und er sagte noch mehr, was weiterhin Erinnerung verdient. (Zitat):
 
„Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Haß zu schüren.
Die Bitte an die jungen Menschen lautet:
Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder Türken,
gegen Alternative oder Konservative,
gegen Schwarz oder Weiß.
Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.
Lassen Sie auch uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder beherzigen und ein Beispiel geben.
Ehren wir die Freiheit.
Arbeiten wir für den Frieden. Halten wir uns an das Recht. Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit.“
 
Ich finde die Mahnung wird zunehmend wieder aktueller, in Deutschland, in Europa, weltweit.

3. 

Der 8. Mai 1945 war für viele mit dem Schwur verbunden:
„Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!׏
 
Ich erinnere daran angesichts aktuell aufkeimendem Rassismus, zunehmendem Nationalismus und allgemeiner Hochrüstung.
Noch immer gilt: Wehret den Anfängen!
Und mancherorts kann von Anfängen keine Rede mehr sein.
 
Zum Beispiel dann - um im eigenen Land zu bleiben - wenn Führungskräfte einer im Bundestag agierenden Partei die Nazi-Barbarei als „Vogelschiss der Geschichte“ verharmlosen und mehr Stolz auf die deutsche Wehrmacht in zwei Weltkriegen einklagen.
 
Diese Art „Alternative für Deutschland“ hatten wir schon mal.
Sie war verheerend.

4. 

Ich möchte aber die Geschichte, die Deutsche und Polen verbindet, keineswegs auf 1939 - 1945 verengen.
 
Berlin hat seit kurzem einen weiteren gesetzlichen Feiertag.
Man einigte sich auf den 8. März, den internationalen Frauentag.
Auch meine Partei war für dieses Datum.
 
Ich hatte dennoch für den 18. März geworben.
Es gibt in Berlin eine „Initiative 18. März“, ich gehöre dazu.
Und alljährlich erinnern wir am Brandenburger Tor und auf dem Friedhof der Märzgefallenen an den 18. März 1848.
 
Er gilt als zentrales Datum der 1848er Revolution, in der es bekanntlich um Bürgerrechte und Demokratie ging.
Und das nicht nur in den deutschen Kleinstaaten, sondern auch in weiteren europäischen Ländern, zum Beispiel in Polen.
 
Und bereits vordem, auf dem Hambacher Fest 1832, wurden zwei Fahnen gehisst: Schwarz-Rot-Gold, die späteren Nationalfarben Deutschlands, und Rot-Weiß für Polen.
 
Eine Losung damals hieß:
„Es lebe das freie, das einige Deutschland! Hoch leben die Polen (...)!
Hoch leben die Franken, die unsere Nationalität und unsere Selbständigkeit achten! Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht und mit uns den Bund der Freiheit schwört! Vaterland - Volkshoheit - Völkerbund hoch!“
 
Man kann dies auch als frühe Idee einer Europäischen Union lesen, die, das sage ich, aktuell drängender Reformen bedarf, demokratischer, sozialer und friedliebender werden muss.
 
Zugleich dürfte klar sein: Es gibt globale Herausforderungen, die lassen sich weder national, noch egoistisch lösen. Dazu gehören der Klima- und Umweltschutz, die Globalisierung, die Digitalisierung und immer wieder die Sicherung des Friedens.

5. 

Apropos Hambacher Fest: Seit vielen Jahren gibt es Jahr für Jahr ein Treffen der Präsidien des Sejm und des Bundestages, abwechselnd in Polen und in Deutschland.
 
Und so war ein solches 2018 am historischen Ort des Hambacher Festes vorgesehen. Aber die polnische Seite sagte ab. Vermeintlich, weil aktuelle politische Differenzen zu groß seien.
 
Ich bedauere das.
 
Zumal: Wenn man sich in allem einig ist, dann kann man miteinander reden, muss es aber nicht. Man kann auch wortlos glücklich sein.
 
Wenn es aber unterschiedliche Auffassungen über aktuelle Herausforderungen gibt, dann helfen letztlich nur Gespräche, Schweigen verhärtet nur das vermeintliche oder tatsächliche Unbill.
 
Soweit hatte ich das Grußwort an Sie und Ihre polnischen Gäste vorbereitet, um es so zu beenden:
 
Sie sind zusammen gekommen, um sich näher zu kommen.
Dazu wünsche ich ihnen viel Erfolg.
 
Mittwoch erreichte mich die Nachricht, dass Ihre polnischen Partner abgesagt haben. Ich bedauere das aus bereits genannten Gründen.
 
Denn es bleibt dabei:
Die Herausforderungen der Zukunft können wir nur gemeinsam lösen, nicht separat allein und schon gar nicht gegeneinander.
 
 

 

 

30.8.2019
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